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13 November 2012 @ 23:09
Savage Worlds spielt mich  
"Das hätte ich so von dir nicht erwartet", sagte am Wochenende ein alter Bekannter, der mich als Stimmungs- und Charakterspiel schätzenden, Würfelei und Taktik verachtenden Spieler und Spielleiter kennt. Was war passiert?

Ich habe am Wochenende ein Abenteuer in Aventuriens Dunklen Zeiten mit Savage-Worlds-Regeln geleitet. Nicht in meiner übliche DZ-Runde, sondern auf einem Treffen mit Freunden und Bekannten, mit denen ich zum Teil schon lange nicht mehr oder noch nie gespielt hatte. Nur einer der Beteiligten steckt wirklich tief drin in DSA und Aventurien. Der Hintergrund war da erstmal weniger wichtig. Zum Teil brachten die Spieler schon von sich aus ein stärkeres Faible für Taktik mit (D&D4, WoW). Dazu kam der 14-jährige Sohn des eingangs zitierten alten Bekannten, der zwar (noch?) kein Rollenspieler, aber in familiären Heroquest-Schlachten erprobt ist. Auch er fand sich gut auf dem Schlachtfeld und in der rollenspielerischen Interaktion mit den Mitspielern zurecht. Es wurde ein langer, spaßiger Abend - der mir einmal wieder deutlich vor Augen geführt hat, wie sehr das System meinen Spielstil beeinflusst hat. Ich spiele nicht nur Savage Worlds, offenbar spielt Savage Worlds auch mich.



SW hatte ich mir vor mehr als einem Jahr ausgesucht, weil mir DSA zusehends auf den Sack ging und mir gerade für die Konstellation, in der ich die Dunklen Zeiten bespiele, sehr ungeeignet vorkam. Eigentlich hatte ich ein einfaches Regelwerk finden wollen, das ich so einsetzen kann, wie ich DSA die meiste Zeit meiner Rollenspiel-Karriere genutzt habe: möglichst geräuschlos im Hintergrund laufend und das "eigentliche" Rollenspiel nicht groß störend. Nur eben tatsächlich einfacher zu handhaben, weniger Unklarheiten lassend und vor allem - wichtig für meine Abenteuer in den DZ - auch mal ein paar mehr Kämpfe schnell über die Bühne bringend.

Ich bekam mehr als das - oder vielmehr etwas ganz anderes. Nämlich ein System, das mir vor allem  bei überschaubaren Regeln eine Vielzahl von taktischen Möglichkeiten im Kampf bot. Und ich merkte, dass mir das Spaß machte. Außerdem Mechnismen, mit denen man Anderes wie Soziale Interaktion oder Massenkämpfe schnell, abstrakt und eindeutig abhandeln kann. Auch diese Angebote gefielen mir. Also legte ich in meinen Abenteuern in den DZ den Fokus mehr auf Kämpfe und Würfelherausforderungen, als ich ursprünglich vorgehabt hatte. Es war kein "DSA, aber einfacher", wie ich usprünglich geplant hatte, sondern ein eigenes Spiel. Das heißt nun nicht, dass es plötzlich kein Rollenspiel mehr ist. aber die Trennung zwischen beschreibendem oder darstellendem Spiel mit dem Charakter auf der einen Seite und dem taktischen Spiel mit seinen Werten und Möglichkeiten auf der anderen wurde auf einmal schärfer, als ich es von DSA gewohnt war.

Arkanil hat gerade die DSA/SW-Konversion Wildes Aventurien darauf abgeklopft, wie weit sich das Spiel nach DSA/Aventurien anfühlt. Nach meinen Erfahrungen aus rund einem halben Dutzend geleiteten Abenteuern in den letzten anderthalb Jahren würde ich die Unterschiede stärker betonen. Es ist für mich ein ganz anderes Spielgefühl. Allerdings habe ich auch, zunächst eher unbewusst, später ganz bewusst, genau diese Unterschiede ausgekostet. Und es lohnt sich, es mal auszuprobieren. In manchen Details hat sich SW als gar nicht mal so schnell und einfach erwiesen, wie es verspricht, aber auch das nehme ich zumindest für meine DZ-Runde in Kauf. Wenn ich zu meiner Philosophie vom geräuschlos im Hintergrund arbeitenden System zurückkehren wollte, müsste ich wohl wieder mehr Bereitschaft zur Handwedelei aufbringen. Könnte ich machen. Ich weiß aber nicht, ob ich es will. Oder ob ich für eine andere Runde, in der andere Aspekte des Rollenspiels im Vordergrund stehen sollen, nicht lieber ein anderes Regelwerk nehme. Ja, auch DSA 4.1 unter bestimmten Bedingungen. Als Spieler freue ich mich gerade über die Möglichkeiten, die mein DSA-Rabenhexer in Rabenblut hat. Auf die Schnelle wüsste ich nicht, wie ich das annähernd in Savage Worlds abbilden sollte (zumindest nicht mit den Grundregeln - dazu muss ich mir beizeiten nochmal Wildes Aventurien anschauen).

Gespielt wurde übrigens mein schon einmal genutztes Warmspiel-Szenario und dann ein neues Abenteuer um die Herausforderung des Braciracus, das ich bestimmt noch einmal meinen DZ-Stammkunden anbieten werde.