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Graf Hardimund
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Lob des Bauergamings

Curima singt in Xeledons Spiegel das Lob des Bauergamings. Karsten von Richtig Spielleiten analysiert's und stellt zwei Thesen auf, was für den, der's mag, wohl reizvoll daran sein könne. Vor allem These zwei kann ich für mich unterschreiben.* Außerdem möchte ich aus meinem Erfahrungsschatz eine dritte These auf den Markt werfen: Bauergaming erleichtert Identifikation mit und Vernetzung unter den Charakteren. Es bietet damit ein Mehr an intensivem Charakterrollenspiel, ohne damit auf das verzichten zu müssen, was klassisches Rollenspiel ausmacht: Herausforderungen und Abenteuer.


Bauergaming ist ein oft abwertend gebrauchter Begriff für das Spielen von Charakteren auf niedrigem Machtniveau in Szenarien, in denen das Alltagsleben und das soziale Umfeld der Charaktere eine große Rolle spielen. DSA bietet sich dafür natürlich an, spätestens seit Version 4 mit ihren zahlreichen Handwerks- und gesellschaftlichen Professionen wie Zuckerbäcker, Ausrufer, Hausdiener, Bergmann, die mit den klassischen taktischen Rollenverteilungen à la Kämpfer, Dieb, Wildnis, Zauberer auf den ersten Blick wenig zu tun haben. Dennoch erschöpft sich Bauergaming, wie ich es verstehe, keineswegs im endlosen Ausspielen belangloserAlltagsszenen als Selbstzweck. Es geht schon um etwas, wenn auch im kleineren Rahmen. Statt mit großartigen, aber  eher abstrakten Konzepten wie der Kriegerehre, den Prinzipien dieser oder jener Gottheit, dem Wohl des Reiches oder den Kampf gegen das Urböse befassen sich die Spieler mit lebensnäheren, unmittelbar greifbaren Dingen, die natürlich immer noch abenteuerträchtig und konfliktreich sein müssen. Einen Wagen voller Bierfässer vor Strauchdieben zu beschützen kann die Spieler zehnmal mehr interessieren als die Kronjuwelen des Reiches. Wenn sie Brauer, Fuhrunternehmer, Kutscher, Waffenknecht sind und es IHRE Bierfässer sind, während der Krieger, Magier, Streuner und Jäger sich nur um das Schwert Charyptoroths kümmern, weil das halt das Abenteuer will.

Auch in einer Bauergaming-Kampagne sollte langfristig mehr auf dem Spiel stehen als nur ein paar Bierfässer. Aber statt um die Rettung der Welt oder des Königreiches, geht es unmittelbar um den Arsch der Charaktere, den ihrer Familie, ihrer Freunde, ihrer Stadt, ihres Dorfes oder auch (siehe das Beispiel von Xeledons Spiegel) ihres Schiffs. Der Arsch muss dabei auch nicht unbedingt das nackte Leben sein, sondern die bürgerliche Existenz, ihr Ansehen, ihr soziales Überleben, ihr Hab und Gut. Alles Sachen, die wir alle gut nachvollziehen können - aber dank Fantelalterwelt (oder anderen exotischen Settings) ausreichend verfremdet und abenteuerträchtig genug, um spannend zu sein.

Auch die Vernetzung der Charaktere untereinander scheint mit Bauer, Zuckerbäcker und Co. besonders zu klappen. Natürlich kann man Themengruppen und oder feste Schauplätze, die das sehr erleichtern, auch auf höherem Powerniveau haben. Aber dennoch scheinen, so meine Erfahrung, Charaktere sehr gut über die Alltagsgedönse zueinander zu kommen, die nunmal beim Bauergaming mehr Fokus kriegen. Ein weiterer möglicher Vorteil für Rollenspiel und Vernetzung - das Bauergaming zwingt anscheinend die Spieler, sich mehr Gedanken über ihren Charakter zu machen: "Ich spiele einen Krieger, ich spiele einen Magier - jeder weiß, was das bedeutet." - "Ich spiele einen Bergmann - Was heißt das eigentlich? Was macht der den ganzen Tag, wenn er nicht nach Erzen buddelt?" Das kann jetzt natürlich auch ein Arbeitsauftrag sein, einmal über originellere Krieger und Magier nachzudenken.

So, und wie soll man mit dem Scheiß jetzt "vernünftig" rollenspielen? Wie ich schon sagte, es kann letztlich genauso plot- und herausforderungsorientiert funktionieren, wie "normales" Rollenspiel auch. Vor ein paar Jahren diskutierte das Vinsaltforum die typische DSA-Heldengruppe. Ich habe mal das Angebot einer Bauergaming-Gruppe gemacht, die die typischen Funktionen besetzt, wenn auch auf niedrigerem Niveau. Eine Truppe, die man ohne bedenken in Dungeon, Kampf und Detektivabenteuer schicken kann, die aber rollenspielerisch noch einiges mehr zu bieten hat:

Schauen wir doch mal, wie wir die klassischen Slots (Kämpfer, Zauberer, Wildnis, Dieb/Stadt) mit DSA4-Charakteren jenseits von Krieger, Magier, Jäger, Streuner besetzen können:

Kämpfer: Bergmann, mit ordentlichen Werten in Raufen und Hiebwaffen + SF Improvisierte Waffen

Zauberer: Scharlatan (Jahrmarktzauberer oder Hofscharlatan), neben seiner Illusionsmagie mit ein paar praktischen Zaubern und ein bisschen Bildung ausgestattet

Wildnis: ein halbelfischer Hirte, ein zwergischer Prospektor (Goldsucher) oder vielleicht ein norbardischer Karawanenführer oder Fernhändler, um mal eine Kultur reinzubringen, die DSA meines Wissens ziemlich exklusiv hat

Dieb/Soziales: Handwerker (Feinschmied) mit Hang zu illegalen Geschäften (Schlösser knacken, Dietriche bauen); vielleicht den Armbrustwert kräftig gesteigert (war mal Schützenkönig, bevor er seine Heimatstadt verlassen musste)

diese Charaktere können dann ungefähr das, was die Klassiker auch können. D.h. 99% der in Abenteuern egal welchen Typs auftretenden Probleme Kampf, Zaubern, (magisches) Wissen, Orientierung und Überleben in der Wildnis, Hinterhalte erkenne/legen, Soziale Interaktion, Zurechtfinden in der Stadt, Stehlen, Einbrechen, Fallen finden werden abgedeckt. Unsere Helden sind darin vielleicht nicht so effektiv, wie die jeweiligen Spezialisten-Charaktere, haben dafür aber alle ihr gewisses Etwas.


Das war's erstmal an dieser Stelle. Ich  kann weder die definitive Antwort geben, warum Bauergaming attraktiv ist, erst recht, wenn ich für andere sprechen soll, noch möchte ich es als das bessere Rollenspiel verkaufen. Übers Wochenende werde ich aber noch einmal in Erinnerungen an meine Parade-Bauergamingrunde kramen: "Unser Mann in Havena" - eine DSA-Kampagne frei nach Graham Greenes Bauergaminggeschichte unter den Spionageromanen.


* Nach kernigem Heldenabenteuer im Orkengoldland mit viel Geprengel, einer fast abgeschlossenen hochpolitischen und hochstufigen Königsmacher-Kampagne  und einem bevorstehenden Rabenblut, das auch nichts für Zuckerbäcker und Bergleute sein wird, schlägt das Pendel bei mir mal langsam wieder in die Gegenrichtung aus.

** Damit möchte ich auch klarstellen, dass Bauergaming nichts mit Plotverweigerung und Taschenlampenfallenlasserei zu tun haben muss.

Tags: alles andere, rsp
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