Graf Hardimund (grafhardimund) wrote,
Graf Hardimund
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Ghul zweier Herren

Am Samstagnachmittag ging es weiter beim Zwei-Gruppen-Abenteuer im alten und dunklen Rom. Zunächst stand die Wahl zum Wolfstribun auf dem Programm. Das bedeutete ein wenig zeremionielles Gedöns, weitere Schacherei in Einzelgesprächen und einige Überraschungen. Danach ging es auf zwei getrennten Wegen zum Grande Finale, wo die beiden Gruppen (die aus den Parteien der Verhandlungen bunt gemischt waren) wieder aufeinandertreffen sollten.

Als frischgebackener Wolfstribun wurde ich endlich in jene Version der Hintergrundgeschichte eingeweiht, mit der - wie sich später herausstellen sollte - die vermeindlich wissenden Werwölfe von den Vampiren verarscht wurden. Da der Wolfstribun zugleich auch Wächter des Grabes des Romulus war, wurde ich Teil der Pilgergruppe, die die fehlenden Zähne wieder in die Kette einfügen sollten.  Was ich nun zu wissen glaubte, war, dass in Romulus' Grab sein vampirisierter Bruder Remus an die Kette gelegt war, mithilfe eben jener Kette des Romulus, an der zugleich der Wolfsbann hing. Ohne Kette also kein Wolfsbann, was mir im Sinne meines politischen Programms sehr recht gewesen wäre - aber dafür das Erwachen eines uralten und bösen Werwolfsvampirs, was mir überhaupt nicht recht sein konnte. Mit dem Amt war mir also eine Verantwortung zugewachsen, mit der ich nicht gerechnet hatte. Mit auf Pilgerschaft ging ein Vampirghul, der angeblich auch das Erwachen des Remus verhindern wollte und der recht freimütig Informationen mit mir teilte. Dann waren da noch der Druide (ein Magus), der die Zähne in seinem Besitz hatte, und ein orientalischer, mit einem geheimnisvollen Stab bewehrter Zauberer (ebenfalls Magus), dessen Vorfahren alle 350 Jahre irgendwelche mysteriösen Dinge in dieser Angelegenheit in Rom taten. Beide erweckten mein Misstrauen, indem sie sich sehr zugeknöpft gaben. Später erfuhr ich, dass sie einfach so gut wie nichts wussten über die Rolle, die sie bzw. ihre Artefakte in der Geschichte spielen sollten.

Dieser Part im über die Jahre entwickelten Zwei-Gruppen-Abenteuer-Schema lief, nach der ziemlich freien Verhandlungs- und Kungelphase, wie üblich linear ab, hatte aber seine Momente, die wohl auch die beiden Spielleiter überraschten. Nach gut getimten einem Kampf zur rechten Zeit und einem kleinen Rätsel entledigte sich der orientalische Zauberer der ihm durch Erpressung aufgezwungenen Aufgabe, indem er den Vampir-Senator Claudius (der Herr unseres Ghuls) nicht wie gefordert ins Grab teleportierte, sondern in die das Grab gegen Vampire sichernde Sonnenkammer. Dann also war das Grab erreicht und nach einem kurzen Palaver mit einem anderen Vampir, der ebenfalls Interessen in der Sache Remus hatte, kam das Zusammentreffen mit der anderen Gruppe, die einen anderen Weg ins Grab gefunden hatte - und damit das übliche Finale mit zwei Gruppen von Spielern, die sich gegenseitig und untereinander nicht die Bohne trauen und jeder ihre individuellen Ziele durchsetzen wollen.

Als erstes kam Bewegung in die Sache, als der Ghul aus meiner Gruppe und der Zauberer ausschalten wollten, weil sie ihn verdächtigten, Remus wiedererwecken zu wollen (womit sie auch richtig lagen). Der Vampir endete ebenfalls in der Sonnenkammer. Dagegen hatte offenbar niemand etwas einzuwenden, stattdessen begann das gegenseitige Belauern rund um den schlafenden Remus. "Ich stelle meine Aktion zurück", war die häufigste gewählte Option beim Initiative-Runterzählen. Schließlich hörte der Druide auf sich zu zieren ("Wenn die mir auf die Pelle rücken, zieh ich mich wieder zurück.") und prokelte die Zähne in die Kette. Und nix Aufregendes geschah. Spannender wurde es, als der Erste versuchte, mit dem Stab, dessen Remus-zerstörende Eigenschaften uns aus mäßig zuverlässiger Quelle (der andere Vampir) enthüllt worden waren, in Remus' Leib zu stoßen. Es setzte auch sofort der Zerfallsprozess ein, der allerdings mehrmals unterbrochen wurde. Das lag zum einen an dem nunmehr freien Ghul, der unter den Einfluss von Remus' Geist geriet. Es lag aber auch am gegenseitigen Misstrauen, dass dazu führte, dass sich Charaktere gegenseitig angriffen und um den Stab rangen, obwohl sie alle ihn benutzen wollten, den Vampir zu vernichten.

Interessanterweise hatte keiner der Charaktere das Ziel, Remus zu erwecken, obwohl wir alle nach unseren Erfahrungen aus früheren Zwei-Guppen-Abenteuern mit wenigstens einem derartigen U-Boot gerechnet hatten. Nur der Claudius-Ghul, der inzwischen Remus' Blut getrunken hatte und damit einen neuen Herrn gefunden hatte, arbeitete gegen uns. Aber letztlich tat der Stab sein Werk und der Ghul hatte seinen zweiten Herrn an diesem Tag verloren. Er und ein Werwolf waren in dem Getümmel draufgegangen. Die meisten Beteiligten sahen ihre Aufgabe erfüllt und machten die Flatter. Mein Wolfstribun hatte den Stab schließlich endgültig in Remus' Herz gerammt und beschränkte sich darauf ("Ich stelle meine Aktion zurück."), darüber zu wachen, dass er dort blieb. Gerne hätte er, als alles vorüber war, auch noch die Kette des Romulus zerstört, in der Hoffnung, damit den Wolfsbann zu brechen. Doch da war leider der Ghul des Julius vor, der nun beschloss, alle verbliebenen Zeugen zu beseitigen und die Kette an sich zu nehmen. Damit gingen die Julier und die hinter ihnen stehenden Vampire als Sieger aus der Affäre hervor. Der Wolfsbann blieb bestehen, das Abkommen mit den gallischen Garou war null und nichtig und die Marionette Gaius Julius Caesar eroberte Gallien und später die Macht in Rom. Der Rest ist, wie bekannt, Geschichte. Aber es hätte auch anders kommen können.

Überhaupt hätte in diesem Zwei-Gruppen-Abenteuer vieles anders kommen können, insbesondere für meinen Charakter. Hätte er die - tatsächlich ergebnisoffene und sehr knappe - Wahl verloren, wäre er mit der anderen Gruppe und wahrscheinlich ohne Informationen über die Hintergründe ins Finale gegangen. Da wäre es eine reizvolle Option gewesen, maximales Chaos zu stiften und sich vor allem drauf zu konzentrieren, den Wolfsbann zu lösen. Auch andere Charaktere waren in verschiedenen Situationen Zünglein an der Waage. Der Balanceakt, die Charaktere mit für das Abenteuer nützlichen Motivationen und Zielen auszustatten, aber ihnen dennoch Entscheidungsfreiheit zu lassen, die dann auch weitreichende Konsequenzen hat, klappt mal besser und mal schlechter. Diesmal ist es jedenfalls aus meiner Sicht sehr gut gelungen.
Tags: rsp, zwei-gruppen-abenteuer
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