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Graf Hardimund
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Die Trojaner, die Achäer und Aphrodite

Im Zwei-Gruppen-Abenteuer verspielen werwölfisch situierte alte Männer ihre Dominanz im alten Griechenland an eine tyrannische, aber people-of-no-fur-freundliche Liebesgöttin.

In der griechischen Antike, irgendwo zwischen mythologischem Heldenzeitalter und der archaischen Zeit Homers herrschen Werwölfe verschiedener Stämme als Kriegeradel über die Stadtstaaten, unterdrücken die Menschen und lassen sie in ihren Kriegen bluten, wie etwa dem Trojanischen. Dieser verheert das Land schon seit vielen Jahren und zuletzt läuft es nicht gut für die Troer. Imerhin haben diese mit Königstochter und Blutgeschwister Helena unlängst eine wichtige Gefangene gemacht. Reichlich Klärungsbedarf für Odysseus (listenreicher Halbbruder der Helena), Homer (musengeküsster Halbbruder der Helena), Menelaos (wütender alter Freier) und Achilles (strahlender Held) auf der achäischen und die Königssöhne Hektor (heroischer Freier) und Paris (schöner Freier) sowie Laokoon (besorgter Priester) und Aeneas (treuer Bewacher der Helena und mein Spielercharakter) auf der trojanischen Seite.

Frieden schaffen mit Schwarzen Furien

Im von den Schwarzen Furien, den letzten Amazonenwerwölfinnen, beherrschten und damit neutralen Olympia treffen sich die Delegationen aus Troja und Achaia, um dreierlei zu beraten: Gibt es einen milden, moderaten oder harten Frieden für Troja? Wird Helena an einen Achäer oder einen Trojaner verheiratet oder wird sie Priesterin? Und wollen wir das Los der Menschen verbessern, alles lassen, wie es ist, oder sie umso härter knechten? Während Werewolf aus der World of Darkness das Regelwerk für alles andere ist, haben sich die beiden Spielleiter hierfür einen unabhängigen Regelmechanismus mit zwei Ressourcen ausgedacht: Mit Stimmen sollen am Ende des Abends die drei Streitfragen entschieden werden. Einfluss entscheidet, wer in den jeweiligen Delegationen der Mächtigste ist und im Falle des Falles als Freier Helenas zu Zuge käme. Außerdem haben die einzelnen Charaktere noch Sondermissionen, deren Erfolg sich zum Teil auch in Einflusskarten messen lässt.

Die Stimm- und die Einflusskarten können die Spieler frei untereinander handeln, aber in der ersten Verhandlungsphase in großer Runde passiert da noch nichts. Es gilt erst einmal, sich abzutasten und eventuelle Gemeinsamkeiten mit der Gegenseite oder Konflikte innerhalb der eigenen Reihen zu entdecken. Mein in den Charakterinstruktionen zu Aeneas vorgegebenes Ziel ist ein milder Friede für die Heimat. Weiterhin bin ich verpflichtet, Helenas Leben um jeden Preis zu beschützen, doch das sagt nichts darüber aus, wie ich mich in der Heiratsfrage zu positionieren habe. Ich entscheide mich, hier grundsätzlich protrojanisch zu denken, möchte aber auch Helenas Interessen gewahrt wissen – die ich noch nicht kenne. Im Zuge der Verhandlungen finde ich in Odysseus einen interessanten Verbündeten, der nicht nur ebenfalls einen milden Frieden will, sondern diesen sogar noch mit einer Heirat Helenas mit einem Trojaner besiegeln will. Das Schicksal der Menschen ist mir egal und eine echte Lobby scheinen die Menschen auch bei keinem anderen Charakter zu haben.

Götter, bleibt zu Hause
Dann geht es in die Gruppenphase und damit tiefer in die Mythologie. Denn im Hintergrund drohen die Götter. Denen haben die Werwölfe vor Jahrhunderten in einem Krieg die Herrschaft über die Welt abgerungen und sie in die Umbra verbannt. Seitdem werden sie nur noch pro forma verehrt. Nur die Menschen flehen um ihre Rückkehr, weil sie sich lieber von ihnen statt von uns beherrschen lassen wollen. Dass dies eine durchaus ernsthafte Bedrohung ist, deuten Prophezeiungen und Träume von Furien und Spielercharakteren an – und das Titanentor auf dem Kronos-Hügel in Olympia, das einst vom mythischen Silberrudel verschlossen worden ist.

In dieser Phase werden traditionell die Gruppen durchgemischt. So ziehen die beiden vortrefflichsten Helden der Troer und Achäer, Hektor und Achilles, der trojanische Priester Laokoon und der achäische König Odysseus los, um in der Unterwelt nach dem Phönix zu suchen, um mit dessen Kräften ein neues Silberrudel zu gründen. Sie essen Kaninchenbraten mit Kirke, stehlen dem Zyklopen Polyphemos dessen Manuskript eines Irrfahrt-Epos und kämpfen mit dem Höllenhund Kerberos und erbeuten so die Lampe des Phönix. Das alles verschafft ihnen Grund für haltlose Prahlereien bei der Wiederbegegnung und den Segen des Phönix im bevorstehenden Endkampf.

Mit Helena zu Aphrodite
Helena versammelt derweil die beiden Freier Paris aus Troja und Menelaos aus Achaia, ihren Halbbruder Homer und ihren trojanischen Aufpasser Aeneas, meinen Spielercharakter. Sie meint, einen Weg gefunden zu haben, das originale Silberrudel zu befreien, das noch in der Unterwelt weile. Dazu sollten wir mit ihr Aphrodite aufsuchen und um Hilfe bitten. Dass ein Blutsgeschwister ein so großes Vertrauen in eine der alten Götter setzt und überhaupt so viel über sie weiß, könnte natürlich misstrauisch stimmen. Aber darüber nachzudenken ist nicht meine Aufgabe. Ich beschütze Helena, also komme ich über die Mondbrücke in die Umbra.

Helena kennt sich offenbar aus und führt uns zielstrebig durch den Teil der Umbra, wo Aphrodite zu Hause ist. Wir erdulden übergriffige Sirenen, besiegen einen Mintauren und unsere Skrupel, als wir auf Anweisung Helenas ein Schwein, das möglicherweise mal ein (menschlicher oder gar werwölfischer?) Gespiele der Göttin war, zum Opfer auswählen. Neben dem Schwein dürfen wir auf einem Altar in einer großen Halle der Aphrodite noch weitere Opfergaben darbringen. Es fließen ein paar Blutstrophen, ein paar Gnosis-Punkte vom Werwolf-Charakterblatt und ich gelobe, Aphrodite einen Tempel auf Rhodos zu bauen (eine Macht-Karte – wer weiß, wofür es gut ist).

Bist du noch da, Helena?

Helena macht sich nun daran, Aphrodite zu rufen. Zu ihrer und unserer eigenen Sicherheit sollen wir dabei nicht zusehen, sondern lieber den vier täuschend echt aussehenden Werwolfstatuen, die um den Altar herumstehen, die Augen zuhalten. Das erweist sich als klug, denn als Jason, Herakles, Theseus und Prometheus erwachen, zeigen sie wenig Dankbarkeit dafür, dass Helena und wir ihre Befreiung erfleht haben. Vielmehr fordern sie uns auf, nicht im Weg zu stehen, wenn sie das „Unheil aufhalten“. Da dies einen Angriff auf Helena impliziert, lehnen wir ab, und stürzen uns in den Kampf gegen die Heroen des Silberrudels, was zwei von uns und zwei von ihnen das Leben kostet.

Man kann natürlich drüber streiten, wie viel Blutgeschwister und wie viel Göttin nun in dem Körper steckt, der auf einmal drei Meter groß ist, die verbliebenen Silberrudelheroen abmetzelt und die beiden toten Freier ins Leben zurückholt. Aber ich für meinen Teil beschließe, dass mein Helena-beschützen-Auftrag weiter gilt und ihre Warnung, hier im Umbra gebe es noch viel schrecklichere Wesen (als sie), und vor denen müsse das Portal versiegelt werden, durchaus plausibel erscheint. Die anderen sehen das offenbar genauso und so geleiten wir die körperlich auf Normalmaß geschrumpfte, aber durchaus noch etwas divenhafter auftretende Helena zurück nach Olympia. Unterwegs schärft sie uns noch ein, dass sie auf keinen Fall verheiratet werden dürfe. Und mal ehrlich, wer würde sie nach dem Auftritt in der Halle noch heiraten wollen?

Den Männern gebührt die Rede
Zurück in Olympia, bleibt Helena aber erst einmal in ihrer Hütte und vertreibt sich die Zeit mit Weben, wie es sich für eine Frau gehört, während die Männer über ihr Schicksal und das der griechisch-werwölfischen Welt verhandeln. In Hinterzimmer- und Garteneckenverhandlungen wird noch einmal für – nun leicht veränderte – Positionen geworben, werden Stimm- und Macht-Karten getauscht. Wer mag, darf auch noch Stimm-Karten bei den Furien abgeben, als Opfer zum Schutz vor dem Unheil, das da kommt. Ein Geschäft, das mir zu vage erscheint (im Endkampf dürfen die geopferten Karten als Joker benutzt werden – aber das erfahren wir erst da). Da bekämpfe ich das Unheil lieber durch kluge Entscheidungen im Rat.

Die Abstimmung wird zum Erdrutschsieg für die trojanische Sache und die Sache Helenas, also so ziemlich meine Positionen: Der milde Frieden ist ungefährdet, dank trojanischen Stimmenübergewichts und Unterstützung des Odysseus. Helena darf Priesterin werden, was alle, die mit ihr in der Aphrodite-Umbra waren, für eine gute Idee halten. Die Menschen werden künftig mit Samtpfoten angefasst. Das ist eigentlich allein Laokoons Herzenswunsch, den er aber verborgen und stattdessen vor allem taktisch argumentiert hat. Und tatsächlich schaden die regeltechnischen Auswirkungen der Menschenfreundlichkeit den Achäern mehr als den Trojanern, die in der Endabrechnung an Macht-Punkten gleichziehen.

Dei ante portam
Als nun die weltlichen Dinge geregelt sind, ruft sich die mystische Gefahr aus der Umbra ins Gedächtnis, mit einem lauten Klopfen an der Titaten-Pforte. Hier entbrennt nun der Endkampf: Helena/Aphrodite bekommt noch genug Zeit, das Tor gegen ihre göttliche Konkurrenz zu versiegeln, dann formiert sich der Widerstand gegen die Tyrannin. Drei der vier Phönixsucher rufen die Kraft des Feuervogels – noch so ein „kleineres Übel“ unter den göttlichen Blockadebrechern – um das Silberrudel neu zu begründen. Doch der Vierte im Bunde, Laokoon, schlägt sich auf die Seite der menschenfreundlichen Göttin. Ihr einziger weiterer Verteidiger ist, aus Helena-Treue bis zuletzt, Aeneas. Und so werden die beiden recht schnell von der Übermacht getötet, die aber ihrerseits schließlich der Göttin unterliegt. Das liegt auch daran, dass manche Helden ein bisschen unentschlossen sind oder ihr eigenes Süppchen kochen und etwa das großartige Schwert des vortrefflichen Hektor an sich bringen wollen.

So ist nun also die Herrschaft der Werwölfe dahin und Aphrodite schwingt das Zepter. Immerhin, die anderen Götter bleiben draußen, und ein Liebesgöttin-Monotheismus ist vielleicht nicht die schlechteste unter allen denkbaren Religionen. In der Auflösung erfahren wir, dass eine Heirat, egal mit wem, die Göttin ausgetrieben und die alte Helena wiederhergestellt hätte. Aber dann hätten wir uns im Endkampf mit einem blitzeschleudernden Zeus und seinen Minotaurenschergen herumärgern müssen.

Tags: rsp, zwei-gruppen-abenteuer
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