Graf Hardimund (grafhardimund) wrote,
Graf Hardimund
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Der Junker, das Hermelin und die alte Freiheit Andergasts

Da die Jagd nach den Suffgoblins erwartungsgemäß nicht nachmittagfüllend war, setzte ich der DSA 5 Andergast-Runde gleich noch ein Problem vor die Nase, das diesmal etwas mehr Subtilität erforderte. Denn Umzingeln und Einschüchtern funktionieren nur in den seltensten Fällen, wenn man es mit der Obrigkeit zu tun hat.

Als Jäger Firuslaw, Holzfäller Carr und Wirt Emmeran nach Moorhügel zurückkehrten, herrschte gerade helle Aufregung. Junker Hartwig Erlwald, als Sohn des unlängst verstorbenen Ritters Hartwig Erlwald von Dreiseenbroich auch Herr dieses Dorfes war ins Gasthaus eingezogen und beanspruchte für sich, seinen Gefolgsmann Ritter Holgmar Eichblatt, seine Mutter Herma und deren Zofe die beiden einzigen Zimmer – und einen verschließbaren Raum für seinen Gefangenen, den Enkel des Dorfvorstehers Firnwalt der Alte.

Firnwalt dem Jüngeren wurde vorgeworfen, edle Pelztiere gewildert zu haben. Genauer gesagt, fanden die Helden heraus, hatte er an einer seiner – legalen – Kaninchenfallen ein Hermelin erwischt, das sich an der Beute gütlich tat, es erschlagen und war damit dem Junker und seinem Gefolge in die Arme gelaufen. Dass er sich der Festnahme mit einem Tritt gegen das eisenbeschiente Schienenbein von Ritter Holgmar zu entziehen versucht und etwas von den „alten Freiheiten des andergastischen Volkes“, die auch das Jagdrecht eingeschlossen hätten, gemurrt hatte, machte die Sache nicht besser. Einstweilen wurde er auf Anraten des Wirts in den Bierkeller gesperrt, wenngleich dessen Falltür nach draußen durch ein schweres Wasserfass verschlossen wurde und dessen Tür zum Schankraum gar nicht abschließbar war. An den beiden Ausgängen wurden darum die beiden Wachen des Junkers, Alrik und Schmalrik, postiert.

Ob dem Bauernsohn gleich am Morgen die Hand abgeschlagen werden sollte, worauf Ritter Holgmar drängte, oder ob ihm ein Prozess beim Gericht des Freiherrn von Thuranien zustünde, wie Großvater Firnwalt vorbrachte, darüber wollte der Junker eine Nacht schlafen. Es bestand also Handlungsbedarf, wollte man dem jungen Mann die Hand retten und ihm zumindest Zeit bis zum Freiherrengericht erkaufen. Ließe sich der wankelmütige, aber durchaus gerechtigkeitsliebende Junker entsprechend überzeugen? Oder sollte man Firnwalt besser zur Flucht verhelfen? Aber wie, ohne dass damit weiteren Dörflern oder ganz Moorhügel noch mehr Ungemach drohte?

Die Helden zögerten, wollten sich vernünftigerweise nicht allzu sehr exponieren. Carr und Firuslaw verhalfen Firnhild, der Schwester des Beschuldigten, auf deren Drängen zu einem Gespräch durch die Falltür, indem sie Wache Schmalrik mit Schnaps und Schmeicheleien bestachen. Ein Vieraugengespräch mit dem Junker musste ich Wirt Emmeran geradezu aufdrängen. Schließlich reifte der Plan, wenn alle anderen schlafen, die Wache an der Tür zum Schankraum ebenfalls schlafen zu schicken. Die wunderliche, alte Mutter von Tommelion dem Nostrier konnte mit passenden Kräutern aushelfen. Die Helden wollten dann dem Gefangenen ein Zeichen geben, dass die Luft rein wäre. Ein Messer zum Durchschneiden der Fesseln hatte seine Schwester hineingeschmuggelt.

Ich kam dem Plan der Helden entgegen, indem ich einen Wachwechsel vollzog: Schmalrik, schon angeschlagen vom Schnaps und kompromittiert durch die Bestechung, durfte nun in der warmen Stube Wache stehen, während der nüchterne Alrik sich draußen auf die Falltür setzen musste. Andererseits hatte ich das Geschehen bis dahin schon etwas eskalieren lassen, um Handlungsdruck zu erzeugen: Wie meistens, wenn die Spieler das Handeln lieber den NSC überlassen, nehme ich mir die Freiheit, diese nicht ganz das tun zu lassen, was von ihnen erwartet wird – oder eben ein bisschen mehr. Firnhild hatte während des Ablenkungsmanövers der Helden besagtes Messer durch eine Türritze geworfen – und Schmalrik hatte davon zumindest etwas mitbekommen.

Als dann Schnaps und Schlafmittel Schmalrik auf drei Stufen Betäubung gebracht hatten, er aber den entscheidenden Selbstbeherrschungswurf zum Wachbleiben schaffte, zogen sich die Helden zurück und überließen es Firnwalt, wie er an dem aus der Gasthaustür pissenden Wächter vorbeikommen wollte. Der hatte inzwischen endgültig seine rebellische Ader entdeckt und entschied sich gegen das Schleichen zur Hintertür. Er schlug lieber den angeschlagenen Schmalrik nieder und verschwand mit einem gepressten „für die Freiheit“.

Die Helden schafften ihn dann in die schnell herbei erzählte Moosgrotte, wo er seitdem von einem Leben als edler Gesetzloser träumt. Schmalrik erlebte den Anschiss seines Lebens von Ritter Holgmar, hielt aber dicht über die genauen Umstände, weil ihn die nur noch dümmer hätten aussehen lassen. Die Verwicklung der Helden und von Firnwalts Schwester bleibt also einstweilen unbekannt. Holgmar wollte gleich zur Hatz auf den Entflohenen blasen, doch Junker Hartwig entschied, dass die Verfolgung einer gewissen Goblinbande, von der ihm Emmeran erzählt hatte, dringlicher sei. Also wurden die Dörfler aufgefordert, Firnwalt spätestens zum nächsten Gerichtstag auszuliefern, sonst gelte er als Gesetzloser.

Als ich mir das Szenario ausgedacht hatte, hatte ich mir wenig Gedanken über den Charakter von Firnwalt dem Jüngeren gemacht. Er war als Opfer der Umstände und als Abenteueraufhänger gedacht. Seine Motivation und die Geschichte um die „alten Rechte des Volkes“ wuchs in dem Maße, wie Details seiner Festnahme erfragt wurden: der Tritt vors Schienenbein, die aufrührerischen Reden; zunächst, um plausibel zu machen, wie tief er sich in die Scheiße geritten hatte, dann um den Helden zu zeigen, dass er sich und das Dorf weiter in die Scheiße reiten würde, wenn man ihm die Initiative überließe. Und natürlich auch, weil ich Spaß an dem rebellischen Bauernsohn bekam.

„Etwas dick aufgetragen“, befand der Spieler des Jägers. Da gebe ich ihm im Nachhinein Recht. Aber was soll ich machen? Jetzt sitzt da halt ein potentieller Robin Hood in der Moosgrotte. Alles, was er bräuchte, wäre eine Gruppe Gleichgesinnter, die er in den Kampf für die alten Rechte des Volkes führen kann. Was draus wird, weiß ich noch nicht. Vermutlich eher keine Legende, denn schließlich ist Firnwalt ja kein Held, sondern nur ein befreundeter NSC.
Tags: andergast, dsa
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